NEUE LANGEWEILE
NEUE LANGEWEILE

Bei Grünheide 2.1

Nachrichten von dort, wo das Urbane etwas spekulativ wird

Text: David Kasparek

Mit einer bemerkenswerten Serie zum Brandenburgischen Ort Grünheide ist die Neue Langeweile just mit einerAnerkennung beim Europäischen Architekturfotografie-Preis Architekturbild 2021 ausgezeichnet worden. Dort, wo der US-amerikanische E-Auto-Hersteller Tesla seine erste Giga-Factory auf europäischen Boden realisiert,dokumentieren die Fotografinnen im Rahmen eines Langzeitprojekts, wie sich der Ort, der Topos, hier durch die Baumaßnahmen verändert. Die vier eingereichten Fotos zeigen dabei keinerlei Architektur, sondern vielmehr die archaische Grundlage jeglichen Bauens:

die Rodung. Otto Friedrich Bollnow weist mit Bezug auf Grimms Deutsches Wörterbuch auf die wortgeschichtlichen Ursprünge des Wortes „räumen“ hin: „Einen Raum, d.h. eine Lichtung im Walde schaffen behufs Urbarmachung oder Ansiedlung“. Maschinell wird auf den Bildern der märkische Kiefernwald gerodet, das Land für den Bau vorbereitet, wo dereinst bis zu 500.000 Fahrzeuge jährlich vom Band rollen sollen. Hier entsteht Raum. „Raum“, schreibt Bollnow, „in diesem ursprünglichen Sinne ist also nicht an sich schon vorhanden, sondern wird erst durch menschliche Tätigkeit gewonnen, indem man ihn durch Rodung der Wildnis (die also nicht Raum ist) abgewinnt.“ Zu sehen ist Kiefernwald, in den teilweise bereits große Schneisen getrieben wurden, Straßen, Verkehrsschilder, große Baumaschinen, ganz vereinzelt sogar Menschen und viel Himmel. Was man nicht sieht ist Architektur. Umbauter Raum. Und doch zeigen die Bilder – die im Laufe des Jahres hoffentlich im Rahmen einer Ausstellung im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main zu sehen sein werden –, Raum in dem von Bollnow angeführten archaischen Sinne. Hier, in Grünheide, wird etwas eingeräumt werden. Etwas, das die Zukunft des Ortes maßgeblich beeinflussen wird, was zum jetzigen Zeitpunkt aber noch reichlich unabsehbar ist. Damit stehen die vier Fotografien prototypisch für eben jenen gedanklichen Raum, den die Bilder der Neuen Langeweile aufmachen. Das Kollektiv sendet mit seinen stets subtil kontrastarmen Aufnahmen „Nachrichten von dort, wo das Urbane etwas spekulativ wird“, wie sie selbst sagen. Auf der einen Seite radikal direkt die Wirklichkeit unserer gebauten Umwelt in Stadt und Land abbildend, machen die Fotografien dabei auf der anderen Seite stets eben jenen eingangs geschilderten Möglichkeitsraum auf. Die Bilder zeigen Momente der Unentschiedenheit, des Unfertigen, des Spekulativen. Vieles scheint hier möglich. Veränderung ebenso wie Stagnation, Freude gleichermaßen wie Resignation. Durch diese Dialektik von interpretativer Offenheit bei gleichzeitigem schonungslosen Zeigen des Ist-Zustands, bekommen die Arbeiten der Neuen Langeweile eine bemerkenswerte künstlerische Tiefe, die nicht nur aus einem Flow heraus – wie ihn Elisabeth Prammer in Boreout beschrieb – entstanden zu sein scheinen, sondern die Betrachter:innen eben genau dieses Erlebnis selbst ermöglichen können. Losgelöst von Zeit und Raum wird hier die Rehabilitation der Langeweile betrieben.